Trotz Mauer im Westen
operiert
(Autor:
Eleonore V. / Stand: 14. Juni 2007)
Liebe Gäste des 2.
Skoliose-Treffens hier im schönen Neustadt in Holstein!
Ich freue mich sehr, dass
ich heute auch hier sein darf und danke ganz besonders Stoni für ihr riesiges
Engagement für das Zustandekommen dieses Treffens und auch für die
Möglichkeit, meine Geschichte hier erzählen zu dürfen.
Vor wenigen Minuten war
ich mir noch nicht ganz sicher, ob ich meine Geschichte überhaupt erzählen
kann, da sie doch an einigen Stellen sehr emotional gehalten ist und auch
Sachverhalte enthält, die man vielleicht doch lieber für sich behalten sollte.
Aber ich bin davon überzeugt, dass Skoliose-Betroffene über sehr viel mehr
Empathie als die meisten anderen Menschen verfügen und sich demzufolge gut in
mich hinein versetzen können. Dies als Vorwort sozusagen, wenn ich mich jetzt
hier oute ...
Ich heiße Eleonore V. und
komme aus L. in Sachsen, was sicher zu hören ist. Bis vor einiger Zeit wäre es
einem DDR-Bürger gar nicht möglich gewesen, so einfach hierher zu reisen. Aber
inzwischen haben sich die Zeiten geändert und so musste ich weder eine Mauer
noch ein Minenfeld überwinden.
Als ich Stoni angefragt
habe, ob wohl meine Geschichte erzählenswert sei und sie mich dann mit in das
Programm aufgenommen hatte, musste ich meine Gedanken weit in die
Vergangenheit zurück schicken, denn ich gehöre ja - wie man sieht - bereits zu
den Oldies.

Elfi erzählt ihre spannende
Geschichte und alle hören gespannt zu
Meine Skoliose begann - ohne familiäre Vorbelastung - möglicherweise ausgelöst
durch einen schweren Sturz - im siebten Lebensjahr. Damals war ich im ersten
Schuljahr, als ein Mitschüler mir von hinten auf meinen Schulranzen sprang und
mich zu Boden riss. Daraufhin konnte ich mehrere Wochen nicht gehen, hatte
sehr starke Rückenschmerzen und sehr starkes Nasenbluten. Auf die Idee, mich
zu röntgen, ist keiner gekommen. Ich lag nur im Bett und wurde liebevoll
umsorgt, was in diesem Fall eher kontraproduktiv gewesen ist. Als ich 11 Jahre
alt war, entdeckte man meine Skoliose zufällig beim Kinderarzt. Damals war sie
minimal bereits äußerlich sichtbar. Ich erinnere mich, dass eine Mitschülerin
mein rechtes Schulterblatt berührte und mich fragte, was das denn sei. Damals
ist mir nicht bewusst gewesen, was alles auf mich zukommen sollte, und ich sah
das alles noch ganz locker. Es folgten - wie vielen von Euch auch noch bekannt
- Gipsschalen, in denen ich mich nachts herum gedreht habe, um einigermaßen
schlafen zu können, Liegebretter und ein Milwaukee-Korsett. Trotz all dieser
Maßnahmen verschlechterte sich meine Skoliose mehr und mehr. Wir waren viele
Jahre beim Chefarzt der Orthopädischen Universitätsklinik in L. in Behandlung,
und ich konnte einmal hören, wie er zu meiner Mutti sagte, dass er mich, wenn
er mich operieren würde, gleich vorher totschlagen könnte wie einen Hund.
Diese sehr drastische Äußerung traf aber zu damaliger Zeit in meinem Fall
tatsächlich zu. Ich muss noch erwähnen, dass ich mit einem Herzfehler zur Welt
gekommen bin und nach Auskunft der Ärzte meine Lebenserwartung lediglich 12
Jahre betragen würde, so dass eine Wirbelsäulen-Operation nicht in Frage
gekommen wäre. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang auch an meine liebe
Mutti und ihre Tränen, die sie bei jedem Arztbesuch mit mir vergossen hat.
Eine ähnliche Geschichte über eine so traurige Mama habe ich im Forum
gefunden, die mir sehr zu Herzen gegangen ist.
Später waren wir - immer
noch in der Hoffnung auf eine optimale Behandlungsmöglichkeit - an einer
anderen Orthopädischen Klinik in L. bei einem Spezialisten in Behandlung, der
nach der Wende als "IM Wenzel" enttarnt wurde, als informeller Mitarbeiter der
Staatssicherheitsorgane der DDR.
Ich war also in der
damaligen DDR am Ende einer effektiven Behandlungs-Option angekommen, erhielt
sporadisch Krankengymnastik, Massagen, Unterwassermassage und vor allem viele
und nebenwirkungsreiche Schmerzmittel, war mehrere Male auch stationär
aufgenommen worden, erhielt Unterricht im Krankenhaus in Bauchlage, und konnte
dann endlich in ärztlichen Befundberichten über meine Skoliose lesen: 3. bis
4. Grades bei weiterer Progredienz. Nach Beendigung meiner 10-klassigen
polytechnischen Oberschule besuchte ich dann eine kaufmännische Berufsschule
mit der Ausbildung zum Handelskaufmann mit Abitur. Das war dann wirklich eine
Qual, und ich erinnere mich an unerträglich brennende Schmerzen im gesamten
Rücken. Nach Abschluss dieser Ausbildung wurde für mich eine Arbeitsstelle
gesucht - leider nicht gefunden! So wurde ich kurzerhand in die Invalidenrente
gesteckt. Damit wollte ich mich jedoch nicht abfinden und versuchte auf eigene
Faust, meinen Wunsch, Medizin zu studieren, irgendwie zu realisieren. Ich
absolvierte zahlreiche Praktika in verschiedenen Kliniken in L. - generell nur
in Nachtschichten, die wohl keiner gerne machen wollte - und erlebte viele
dankbare Patienten, die sich noch niemals zuvor so gründlich gewaschen fühlten
wie durch mich. Eines Abends, als ich mich wieder zum Dienst melden wollte,
durfte ich ihn gar nicht wieder antreten. Man hatte heraus gefunden (meine
Freundin hatte es unbedacht verraten!), dass ich invalidisiert sei und nicht
beschäftigt werden dürfte. Da hatte ich das Gefühl, nun wirklich am Ende
angekommen zu sein. Ich war total verzweifelt und habe versucht, meinem Leben
ein Ende zu setzen. So wollte ich nicht weiter leben. Dann regte sich mein
Gewissen und meine Verantwortung, auch meiner Mutter gegenüber, und ich
entschied mich traurig, aber vernünftig, wieder für das Leben.
Einen Vorteil brachte
jedoch die Invalidisierung für mich: ich konnte als Invalidenrentner in den
Westen reisen. Da wir fast alle Verwandten in Westdeutschland hatten, stellte
ich einen Antrag auf besuchsweisen Aufenthalt bei meiner Tante in Stuttgart.
Sie suchte mit mir ihren Hausarzt auf, der mich schon von v o r dem
Mauerbau 1961 her kannte und mit Entsetzen meine Wirbelsäulenverbiegung
registrierte. Er hat uns dann nach Tübingen in die Orthopädische
Universitätsklinik geschickt.
Das war der erste Schritt
in ein neues Leben. Dort wurde ich Herrn Dr. Z. vorgestellt, dessen strahlende
lebhafte blaue Augen und seine unglaublich frische Ausstrahlung ich bis heute
in Erinnerung habe.
Heute weiß ich auch woher
Letzteres rührte: Nach einem Bericht des British Medical Journal vom
23.12.2006 wurde herausgefunden, ich zitiere: ... "dass die Chirurgen die
schönsten Ärzte sind. Sie sind im Durchschnitt sieben Zentimeter größer,
hätten volleres Haar und durch die Arbeit im sauerstoffreichen OP eine
rosigere Gesichtsfarbe als ihre vom Stethoskop gebeugten Kollegen".
Nie wieder bin ich einer
solch großartigen Ärztepersönlichkeit begegnet! Man möge es mir bitte heute
verzeihen, dass ich noch immer mit solcher Begeisterung von ihm spreche.
Sicher werden auch die heute hier Anwesenden im Rückblick später noch so von
"ihrem" Wirbelsäulenchirurgen sprechen, der ihnen ein neues Lebensgefühl
vermittelt hat.
Herr Dr. Z. war sofort
bereit, mich zu operieren, es fehlte nur das Geld, da ich in Westdeutschland
ja nicht krankenversichert war. Was dieser Arzt damals auf die Beine gestellt
hat, um mir die OP zu ermöglichen, ist ohne Beispiel! Letztendlich lag ich im
sogenannten "Klinikversuchsbett", und das Geld stand zur Verfügung. Ich wurde
also auf den Rissertisch gelegt, ordentlich gestreckt und dabei eingegipst.
Das war nicht gemütlich. Am Abend war es kaum mehr auszuhalten, in der Nacht
darauf gleich gar nicht mehr. Eine Schwester, der ich meine Schmerzen und Nöte
schilderte, sah keinen Handlungsbedarf, so dass ich selbst zur Tat schritt und
beschloss, meinen Gips zu entfernen. Ich brauchte mehrere Stunden, um den noch
feuchten Gips mit einer Hautschere und einer Nagelfeile aufzusägen. Den Rest
der Nacht habe ich geschlafen wie ein Murmeltier. Die Schwester im Frühdienst
hat nicht schlecht gestaunt, als sie die Gipshülle beim Bettenmachen gefunden
hat. Mir ist dann erst die Tragweite meines Handelns bewusst geworden, und ich
habe mit einem Klinikverweis gerechnet. Dem war jedoch nicht so. Ich sollte
mich bei Herrn Dr. Z. melden. Auf dem Weg dorthin begegnete ich nur grinsenden
Gesichtern. Das musste sich wohl inzwischen herum gesprochen haben. Dr. Z.
reagierte ausgesprochen humor- und verständnisvoll. Wir haben bei einer
gemeinsamen Zigarette (das war eine Lord Extra, das weiß ich noch ganz genau)
alles noch einmal durchgesprochen. Dann bekam ich eine ganze Woche zum
akklimatisieren, für heutige Verhältnisse unvorstellbar.
Auf meinem Zimmer lag ein
junges Mädchen aus Neckartailfingen. Mit ihr hat sich eine wunderbare
Beziehung bis zu ihrem frühen Tod entwickelt. Wir waren über viele Jahre
unzertrennlich trotz Mauer und Stacheldraht.
Hier möchte ich eine
Zäsur machen und nicht nur an sie, die zwei schwere Skoliose-Operationen, eine
Hüftoperation sowie Brust- und den sogenannten gefürchteten "schwarzen
Hautkrebs" durchlitten und ihm letztendlich erlegen ist, erinnern, sondern
auch an die Euch allen so vertraute und so früh aus dem Leben geschiedene
Susi erinnern. Als ich diese Zeilen an meinem Computer niederschrieb, sind die
Tränen in die Tastatur gelaufen, weil ich nie wieder eine Freundin gefunden
habe, mit der ich derart Seelen verwandt war. Sie war so tapfer und trotz
aller körperlicher Beschwerden auch so engagiert in ihrem Job als Leitende
Schwester in einer Klinik. Ich hoffe, wir finden uns in einer anderen Sphäre
wieder.
__________________________________________________________
Doch wieder zurück zur
Skoliose-OP. Das Procedere wurde nach einer Woche wiederholt und nach vier
Wochen konnte ich endlich operiert werden. Diese Operation wurde damals trotz
meines Herzfehlers vorgenommen und Dr. Z. erzählte mir später, dass sie in der
Presse besprochen worden sei, als ein Novum sozusagen. Die Operation wurde in
einer Sitzung vorgenommen, das waren ca. 5 Stunden, und es wurden 14
Wirbelsegmente versteift. Das erste Mal, als ich meine Augen öffnete, sah ich
Dr. Z., der nur lakonisch sagte: "Du warst vielleicht ein Schlauch!" In der
folgenden Nacht bekam ich Herz-Kreislaufprobleme und der Gips musste teilweise
aufgesägt werden. Nachtwache hatte ein Medizinstudent, der sich
aufopferungsvoll um mich gekümmert hat. Von all den Schmerzspritzen, die mir
zur Verfügung standen, brauchte ich lediglich eine einzige gegen Morgen des
folgenden Tages. Ich hatte erträgliche Schmerzen, das einzige, was ich als
unerträglich empfand, war der Gips. Ein Segen, dass es heute OP-Techniken
gibt, die das überflüssig machen. Mit Joachim, dem Medizinstudenten, habe ich
mich dann angefreundet. Er hat mich mit Literatur versorgt, an die ich in der
DDR nicht heran gekommen wäre, beispielsweise mit Büchern von Max Frisch.
Damals fand in Erfurt ein Treffen zwischen Willy Brand und dem Außenminister
der DDR, Willy Stoph statt, worüber er mich in Form von Zeitungslektüre
informierte, und wir hofften gemeinsam, dass die "Eiszeit" zwischen den beiden
deutschen Staaten bald vorüber sein möge. Das hat dann leider noch 18 lange
Jahre gedauert. Aus Joachim ist ein bekannter Arzt geworden, dem ich jedoch
damals nicht in den Westen folgen wollte ...
Ich muss heute
rückblickend sagen, dass diese Zeit zu einer der schönsten meines bisherigen
Lebens gehört. So viel Sympathie und so viel Wärme sind mir kaum je wieder
begegnet. Das ist sicher auch der damaligen politischen Situation geschuldet,
als es fast eine Sensation war, dass ein so junges Mädchen, wie ich es damals
war, in den Westen reisen konnte.
Nach einigen Wochen
konnte ich zu meiner Tante nach Stuttgart entlassen werden. Doch da wurde ich
mit den eisenharten Realitäten konfrontiert. Inzwischen war ja meine Erlaubnis
für den besuchsweisen Aufenthalt in Stuttgart abgelaufen. Meine arme Mutter
informierte mich, dass sie einer Vorladung auf das Volkspolizeikreisamt folgen
und sich einem sehr unangenehmen Verhör unterziehen musste. Man teilte ihr
mit, dass ich nach Überschreitung meiner genehmigten Reisezeit nun Republik
flüchtig geworden sei. Das war eine Katastrophe! Nun wurde wieder Herr Dr. Z.
tätig und schrieb mir ein ärztliches Attest, dass ich erst nach Abschluss
meiner Behandlung wieder in die DDR zurück kehren könnte und weder reise- noch
transportfähig sei. Dieses Spielchen wiederholte sich einige Male, da ich ja
nach der Operation noch ganze 12 Monate eingegipst war. Auch an dieser Stelle
ist mir wieder bewusst geworden, was Herr Dr. Z. alles unternommen hat, um mir
einen erfolgreichen Abschluss meiner Behandlung zu ermöglichen.
Einige Wochen nach meiner
Entlassung erhielt ich dann eine Einladung der Eltern meiner lieben Freundin
aus Neckartailfingen. Ich durfte dort mehrere Monate verbringen, am Fuße der
Schwäbischen Alb, ein Traum für einen jeden DDR-Bürger. Diese Familie hat
mich aufgenommen wie ihr eigenes Kind und seitdem sind mir die Schwaben
unzertrennlich ans Herz gewachsen. Dort hatten wir gemeinsam eine ganz tolle
Zeit, so dass wir oft den beschwerlichen Gips ganz einfach vergessen haben.
Bei der nächsten
Gipskontrolle in der Tübinger Universitätsklinik, wo auch ein Termin für den
nächsten fälligen Gipswechsel festgelegt wurde (das war aller 4 Monate der
Fall), erfuhren wir dann, dass Herr Dr. Z. inzwischen eine Oberarztstelle in
Mannheim angenommen hatte.
Mein erster Gipswechsel
war dann das reinste Fiasko. Ich habe dabei unter dem Nachfolger von Herrn Dr.
Z. (den Namen möchte ich hier lieber nicht nennen) erheblich an Korrektur
verloren. In meiner Verzweiflung habe ich mich - wie später noch so oft - an
Dr. Z. gewandt, der mich sofort nach Mannheim beordert hat. Er hat dann auch
gleich einen Rissertisch besorgt, den es dort noch nicht gegeben hat, um meine
verloren gegangene Korrektur wieder herzustellen. Dies ist ihm auch gelungen,
jedoch hat er mir beim Gipsverputzen einen Schmiss ins Gesicht verpasst, ein
Autogramm sozusagen, was mich an jedem Tag beim Blick in den Spiegel an ihn
erinnert, zwangsläufig sozusagen.
In Mannheim lernte ich
Doris kennen aus Mainz, mit der ich heute noch befreundet bin. Leider steht
ihr nach zwei Skoliose-Operationen in Heidelberg und einer
Pseudarthrose-Reparatur durch Dr. Z. in Mannheim heute eine weitere Operation
bevor, die sie demnächst in Karlsbad-Langensteinbach vornehmen lassen will.
Ich habe ihr letztens dringend geraten, noch eine zweite Meinung bei einem
Skoliose-Spezialisten einzuholen. Ich hoffe sehr, dass sie das beherzigt.
Im Klinikum Mannheim bin
ich wieder sehr lieben Menschen begegnet und habe mich sehr wohl gefühlt. Da
ich ja mobil war, habe ich die Schwestern bei ihrer Arbeit unterstützt und
Herr Dr. Z. meinte: "Die können wir gar nicht entlassen, wenn die sich hier so
nützlich macht!"
Als ich dann die letzte
Phase im Gips erreicht hatte und er in der Klinik in Mannheim abgenommen
werden sollte, erfuhr ich, dass sich wahrscheinlich eine Pseudarthrose
entwickelt hätte, und ich noch ein Mieder tragen müsste. So jedenfalls drückte
sich Herr Dr. Z. aus. Das Mieder entpuppte sich dann als ein Stagnara-Korsett,
das ich noch nach den 13 Monaten Gips tragen sollte. Übrigens: In diesem
Korsett bin ich dann später zum ersten Mal schwanger geworden.
Allmählich näherte sich
aber das Ende meiner Behandlungszeit in Westdeutschland, und ich musste eine
Entscheidung treffen, ob ich denn nun in Westdeutschland bleiben wollte oder
wieder hinter den "Eisernen Vorhang" zurück kehren sollte. In den Monaten, die
mir noch blieben, habe ich bereits gearbeitet. Ein Steuerberater hatte mich
als Azubi aufgenommen. Auch von Herrn Dr. Z. hatte ich das Angebot, für ihn
als Sekretärin tätig zu sein. Er hatte später zusammen mit Herrn Dr. L. eine
Orthopädische Gemeinschaftspraxis in Tübingen in der Uhlandstraße eröffnet und
die Leitung einer Deutsch-Französischen Abteilung für Skoliosenbehandlung am
Französischen Krankenhaus "Emile Roux", ebenfalls in Tübingen, Auf dem Sand,
übernommen.
Am 9. Mai 1971 habe ich
dann einen folgenschweren Entschluss gefasst. Als meine Mutti mich in
Stuttgart anrief, um mir zum Geburtstag zu gratulieren und sie mir unter
Tränen von den Schikanen von Seiten der DDR-Behörden berichtete, entschloss
ich mich, in die DDR zurück zu kehren. Ich habe mich dazu während unseres
20-minütigen Telefonates entschlossen. Wie schwer mir das gefallen ist, kann
keiner ermessen. Alle meine Freunde und Verwandten in Westdeutschland waren
total entsetzt und befürchteten - genau wie ich - dass ich nie wieder in den
Westen reisen dürfte. Aber auf der anderen Seite sah ich meine Mutter, die so
viel für mich getan und um mich gelitten hatte, so dass ich mir sagen musste,
dass ich so auch im Westen niemals hätte glücklich werden können. Eines
wollte ich jedoch noch vor meiner Rückreise in die DDR klären, und zwar, ob
ich ein Studium der Medizin aufnehmen könnte. Das wurde mir von offizieller
Stelle zugesichert. Dieses Schriftstück habe ich bis zum heutigen Tage
aufbewahrt. Herrn Dr. Z. habe ich damals über meinen Schritt zurück
informiert, und er hat mir einen Bericht für die weiterbehandelnden Ärzte in
L. mitgegeben.
Vor meinem Grenzübertritt
in die DDR hat mich dann in Hof noch ein Angehöriger des Bayrischen Zoll
gewarnt und wollte mir mitsamt meinem Gepäck aus dem Zug helfen. Die 15
Minuten Bahnfahrt von Hof nach Gutenfürst, dem damaligen Grenzkontrollpunkt
der DDR, werde ich niemals vergessen. Mit einem Mal hatte mich Panik
ergriffen, und ich wäre am liebsten noch aus dem Zug gesprungen.
Die DDR-Grenzbeamten
haben mich dann trotz Kontrolle meines Gepäcks, in dem sich jede Menge Brief-
und Musikkassetten sowie Zeitschriften befanden, weiter fahren lassen, obwohl
all das strengstens verboten war, in die DDR einzuführen. Ich war wie betäubt,
hätte ja schlimmstenfalls mit Inhaftierung oder Einweisung in ein Lager
rechnen müssen.
Meine Mutter hat zwar im
Vorfeld sehr für mich gekämpft, damit mir das erspart bleiben möge, aber
Sicherheiten hatten wir nicht.
So war ich also wieder im
Osten angekommen, und die Ernüchterung folgte auf den Fuß. Meine beruflichen
Pläne sind allesamt ins Wasser gefallen. Von den Versprechungen, die man mir
gemacht hatte, war keine Rede mehr, im Gegenteil, ich sollte mich
rehabilitieren, um ein nützliches Mitglied der sozialistischen Gesellschaft zu
werden.
Die folgenden 31 Jahre
hatte ich meine Skoliose vergessen, obwohl ich oft an die Grenzen meiner
physischen Belastbarkeit gegangen bin, sei es aufgrund von Schwangerschaft,
jahrelanger Pflegetätigkeit, die ich an meiner Mutter verrichtet habe oder
Sanierungsarbeiten in unsanierten Altbauwohnungen, um sie bewohnbar zu machen.
Der absolute Einbruch, sozusagen im wahrsten Sinne des Wortes, vollzog sich
2001 während meiner Herz-Operation. Sofort nach dem Aufwachen aus der Narkose
habe ich bemerkt, dass meine versteifte WS das Thorax-Aufspreizen übel
genommen hatte. So entsetzliche Rückenschmerzen hatte ich noch niemals in
meinem Leben und die wegen der Herz-Reparatur nötige Brustkorberöffnung habe
ich überhaupt nicht wahrgenommen.
Ich möchte hier an dieser
Stelle alle Skoliose-Operierten dringend auffordern, sich vor einer
evtl. nötigen Operation, die mit einem Eröffnen des Brustraumes verbunden ist
- was Gott behüte, niemals eintreten möge - einem Skoliose-Spezialisten
vorzustellen und dessen Rat einzuholen. Mir hat man es bis vor wenigen
Monaten nicht glauben wollen, dass meine versteifte Skoliose unter der Herz-OP
schwer geschädigt wurde. Erst Ende letzten Jahres hat ein Arzt in
Westdeutschland, den ich dann endlich in meiner Not konsultiert habe, ein MRT
anfertigen lassen, wodurch der entstandene Schaden eindeutig belegt wurde. In
der Ärztezeitung vom November 2006 wird diskutiert, dass Kinder, die eine
Herz-OP hatten, später überdurchschnittlich oft eine thorakale Skoliose
entwickeln. Bei mir hat sich nach der Herz-OP die bereits vorhandene Skoliose
extrem verschlechtert, so dass zwar jetzt mein kleiner Shunt in der
Kammerscheidewand verschlossen ist, sich jedoch inzwischen eine
Rechtsherzüberlastung und ein COPD mit Lungenhochdruck entwickelt haben.
Leider wird mich jetzt
niemand mehr operieren, obwohl ich eine erneute WS-OP mit wahrer Leidenschaft
angehen würde. Ich bin risikoselektiert, nicht, weil das Risiko für mich zu
hoch ist, sondern weil in meinem Fall die Kosten für eine Standard-OP mit
Sicherheit überschritten würden. Ärzte haben strenge Auflagen und die Kosten
dürfen bestimmte Limits nicht überschreiten, damit die Kliniken "schwarze
Zahlen" schreiben. All das kann ich verstehen, aber es tröstet und es hilft
mir nicht. Diese Aussage ist keiner Verbitterung geschuldet, sondern ist
nachzulesen in "Forschung & Lehre", Heft 4/2007, S. 204 - 206.
Die Bitte an Euch, auf
Euern Rücken zu achten, möchte ich an den Schluss meines Beitrages stellen.
Ich danke Euch von ganzem Herzen für Eure Aufmerksamkeit und wünsche Euch ein
möglichst schmerzfreies, erfülltes und glückliches Leben.
"Lebt Euern Traum und
träumt Euer Leben nicht nur!"
Ich umarme Euch !!!
Eleonore V.
Anmerkung: Hiermit erkläre ich,
dass der vorstehende Bericht lediglich eine ganz persönliche Schilderung
meiner Skoliose-Behandlung darstellt. Es ist nicht beabsichtigt, einer der
erwähnten Personen zu nahe treten zu wollen.
Habt ihr auch eine
spannende oder außergewöhnliche Skoliose-Geschichte? Wenn du deine Geschichte
hier veröffentlichen möchtest, dann
melde dich bei mir...
►
zurück zur
Übersicht
◄
|